Lügengesicht Thu, Oct 19. 2006
Ich habe einen Lebenslauf, dass es einem Amerikaner einen prima Job bringen und ich mit Howie Manson verwandt sein könnte. Da dazu nicht nur verschiedene Jobs und eine Lehrstelle, sondern eben auch ein Studium mit wechselnden Nebenfächern gehört, falle ich unter die Studiengebührenverordnung. Der Sinn dieser Einrichtung kann an anderer Stelle diskutiert werden. Auswirkung davon jedenfalls ist, dass ich zur Zeit 1145 Euro
im Semester für den Besuch einer staatlichen Universität bezahlen darf. Sollten die neuen Gebühren wie angedacht durchgesetzt werden, erhöht sich das auf 2645 Euro. Monatlich also 190 bis dann 440. Selbst, wenn man mit Studentenjobs mehr als 6 Euro/ Stunde verdienen würde, eine stattliche Summe, die auch ein Normalverdiener nicht mal einfach so aufbringen könnte, oder?
Die letzen Semester habe ich die
Gebühren irgendwie aufgebracht. Auch dieses Wintersemester wieder. Entsprechend
sieht mein Konto aus und ich war sogar unvernünftig genug, dass ich mir echte
Gedanken um meine Miete deswegen machen muß. Jetzt habe ich gelesen, dass bei
einer chronischen Erkrankung die Gebühren gemindert oder erlassen werden
können.
Chronische Erkrankung… Ich komme
mir immer saublöd vor, wenn ich mich so einstufe, obwohl es objektiv gesehen ja
richtig wäre. Dieses Wissen hilft aber nur dahingehend, sich auch noch blöd zu
fühlen, weil man sich blöd fühlt. Sehr sinnvoll. Immerhin kann ich ja aber
neben ADS und einer Stoffwechselstörung auch noch etwas anderes anführen…
„Seit meinem 5. Lebensjahr leide
ich unter schwerer Migräne und Fibromyalgie. Hierdurch entstanden immer wieder
Fehlzeiten, die mir einen Scheinerwerb in meinem früheren Studium, Geschichte,
kaum möglich gemacht haben. Nun hat sich endlich wenigstens die Migräne
gebessert. Die Fibromyalgie besteht mit Begleiterkrankungen leider noch immer,
was von mir durch Medikamenten und Therapie aber in relativem Zaum gehalten
wird. Unter diesen Voraussetzungen hätte ich nun endlich die Aussicht auf einen
Abschluß meines Studiums, was mir sehr viel bedeutet.“
… stand so also in der Email, die
ich an das zuständige Referat geschrieben habe mit der Bitte um Klärung, ob ich
eventuell für eine Minderung in Frage käme. Ich will ja studieren, ich will
endlich einen Abschluß machen, ich bin ja bereit, dafür zu bezahlen.
„Aufgrund der Komplexität der
Materie empfehle ich Ihnen einen Besuch in
unserer Sprechstunde.“ hieß es in der Antwort. Ohne jegliche Anrede. Vielleicht
ist das ja neue Internetkultur, die an mir vorbeigegangen ist. Aber immerhin,
vielleicht macht sich da jemand Gedanken. Dachte ich. Bin auch tatsächlich
hingegangen und hab den kleinen Mann im Ohr lang genug ignoriert, um
dranzukommen.
Der Mitarbeiter im Referat war
durchaus freundlich. Er hat meine Daten aufgerufen und mir gesagt, dass ich schon
Gebühren bezahle. Stimmt. Er hat mir gesagt, dass ich schon viele Semester
habe. Stimmt. Das mit der Mail nahm er mit einem Nicken zur Kenntnis. Und
schaute nach, seit wann ich studiere. Ich sei doch schon mal dagewesen und
hätte ein Semester für einen Fachwechsel angerechnet bekommen. Aha? Ich habe
einmal dort angerufen, weil ich noch keine Rückmeldeunterlagen geschickt
bekommen hatte. Von einer Anrechnung wusste ich nichts.
Daraufhin sagte er mir, dass eine
Anrechnung nur bei chronischen Erkrankungen, wegen derer man länger studieren
müsste, in Frage kommt. Äh, ja.. Soweit waren wir schon. Ich wies ihn nochmals
auf den Inhalt meiner Mail hin, erzählte nochmals „seit dem 5. Lebensjahr…“
etc. Ja… Es würden aber nur schwerwiegende Erkrankungen zählen, klärte er mich
auf. Achso. Außerdem bräuchte man dann eine Bestätigung vom behandelnden Arzt.
Achso. Bilde ich mir ein, dass Blick und Stimme eindringlicher werden? Ich sage
ihm, dass das natürlich kein Problem sei und unterdrücke die Anmerkung, dass
ich dafür bei dieser Laufbahn nicht gerade das erste Mal zu einem Arzt müsste.
Der Arzt müsse das dann
bestätigen und schreiben, warum ich länger für das Studium bräuchte. Es müsste
eine schwerwiegende chronische Erkrankung sein. Ups, ich bin in einer
Matrixschleife gefangen. Ich habe ja auch schon lange studiert und schon
bezahlt.
Immerhin sagt er mir dann, dass
es sich sowieso nur auf schon bezahlte Semester auswirken könne und ich
vielleicht das erste zurückbekäme, wenn. 500 Euro, besser als nichts.
Aber nur, wenn…
*ächz*
Was solls. Ich kanns verstehen.
Ich kann verstehen, dass er bestimmt häufig Leute hat, die da einen Nepp
versuchen. Daß ich nicht unbedingt leidend aussehe und das muß man ja wohl,
wenn es einem nicht gut geht, oder?
Mein Lieblingsarzt hat es einmal
gut zusammengefasst: „Es ist schwierig, jemandem anzusehen, wie es ihm geht,
wenn er so strahlen kann.“
Selbst, wenn ich will, kostet es
mich Mühe, es abzustellen. Wenn ich ehrlich sein will. Vorspielen konnte ich
schon immer gut. Hätte mir der Kerl wirklich eher geglaubt, wenn ich
mitleidserregend kaputt ausgesehen hätte? Wenn man sein halbes Leben gelernt
hat zu lügen, ist es irgendwann ein Reflex. Ich arbeite hart daran, es nicht
mehr zu tun. Hart daran, dass mein Gesicht nicht mehr automatisch ein Lächeln
aufsetzt. Kein Lügengesicht mehr ist.
In einer SHG war mal ein sehr
sympathischer Teilnehmer. Er strahlte die ganze Zeit und steckte die Leute so
richtig mit seiner guten Laune an. Bei der Vorstellung meinte er, ihm ginge es
ziemlich gut. ‚Das Übliche eben’. Nach mehrmaligem Nachfragen ging er endlich
ins Detail: „Naja. Mal so, mal so. Ab und zu mal Selbstmordgedanken, ansonsten
gut.“ Das Übliche eben.
Es ist so schwierig, das
abzustellen… Aber auf der anderen Seite…
Wo ist das Problem? Woran krankt
es, wenn man Ärzte und andere, die eigentlich helfen sollten, beraten sollten,
davon überzeugen muß, dass es einem schlecht geht? Daß man vielleicht etwas
hat, das aus ihrem Erfahrungsschatz herausfällt? Daß man etwas anderes tut, als
allen zu zeigen, wie bescheiden es einem geht?
Was bedeutet es, wenn man von
Patienten erfreut angeschaut wird, wenn sie hören, dass man selbst Migräne
hatte? Wieviele haben ihnen schon gesagt, dass sie sich ihre Krankheit
einbilden?
Ein Arzt hat mich mal
angestrahlt: „Herzlichen Glückwunsch! Sie sind gesund! Sie haben absolut keinen
Grund, Migräne zu haben!“ Achso. Ja, dann. Was erwartet so jemand? Daß man ihm
um den Hals fällt, weil er einen über dieses Missverständnis aufgeklärt hat und
ab da anfallsfrei ist? Oder dass man sich zu blöd vorkommt, als dass man sich
traut, noch einmal einen Anfall zu haben?
„Ich habe Sie jetzt zwanzig
Minuten beobachtet und sie waren nicht einmal unaufmerksam! Wie können Sie
behaupten, Sie hätten ADS?!“ Achso. Gut. Beruhigt lehne ich mich zurück, bin ab
jetzt gesund und ein regelgerechter Sammler.

