So, das war Dein erster Tag.
Da ist ja ganz schön was los gewesen. Schwankend zwischen
himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt... naja, zumindest
Aufregung kurz vor Panik bist Du hingegangen. Zu Deiner Freude und
Überraschung mußtest Du feststellen, daß sich Deine
Mitbewohnerin mit so ziemlich den gleichen Sorgen und Befürchtungen
quält, die doch bei Anderen so viel mehr unangebracht sind als
bei einem selbst:
„Was, wenn ich in Fettnäpfchen tappe, wie es mir immer mal
passiert?“ - „Was, wenn ich Leute nicht mag oder die mich nicht
mögen?“ - „Was, wenn alle Anderen viel, viel besser sind als
ich?“ - „Was, wenn ich die Sachen, die ich beim Probekurs konnte,
plötzlich alle nicht mehr kann?“ - „Was, wenn ich nur Glück
hatte, und eigentlich gar nicht geeignet bin?“
Überraschung: Es denken auch andere so. Kann doch gar nicht,
denkst Du. Die sind doch besser als ich, denkst Du. Zwickmühle:
Das glauben die umgekehrt auch. Denk mal drüber nach.
„Hah, aber wenn mich die älteren Studenten nicht mögen?“
- „Und alles ganz anders ist?“ - „Werde ich da gleich irgendwas
vorführen müssen und dann sehen alle, daß ich nichts
kann?“
Wieder Überraschung: Sie bemühen sich alle darum, Dir
den ersten Tag so angenehm wie möglich zu machen. Dir zu zeigen,
daß Du es auch schaffen kannst. Dir den Grundstein mitzugeben
und ihn Dich selbst bauen zu lassen. Wahnsinn.
Dann siehst Du, was die Anderen spielen können, und fragst
Dich, ob Du das jemals auch hinkriegen kannst. Aber überleg mal,
die haben das auch geschafft. Vor allem: Wenn jetzt schon Andere in
Deiner Klasse die gleichen Bedenken hatten wie Du, wie wahrscheinlich
ist es, daß in dem Jahrgang auch welche waren, die solche
Zweifel an sich hatten. Und jetzt? Sie mögen nicht alle
Weltklasse sein, aber sie stehen da und spielen. Ist es nicht das,
was Du willst? Spielen? Und so unterschiedlich sie auch begabt sein
mögen, hast Du Dich nicht gerade gefragt, ob Du das auch
könntest? Haben sie sich das vor einem halben Jahr nicht genauso
gefragt? Rein logisch müßtest Du also alles mit „Ja“
beantworten. Schlußfolgerung: Ich habe Recht. Du kannst es
schaffen. Du kannst da vorne stehen. Und Du kannst diese Dinge
lernen, die Dir noch fehlen.
Aber ich merke, daß selbst jetzt, wo ich es als Brief an
Dich schreibe, Dir beim Tippen die Finger klamm werden. Wie
vermessen, denkst Du. Das einmal können, das einmal tun. Eines
der Attribute, die uns die ältere Klasse auf den Weg mitgeben
wollte, war „Maßlosigkeit“. Vielleicht war damit auch eben
jene gemeint: Nicht an das Maß halten. Nicht an das der
Anderen. Und vor allem nicht an jenes eng Geschnürte, das man
sich selbst umbindet. Traue Dich, maßlos zu sein. Traue Dich,
die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, wie sie „dort vorn“
stehen zu können, Deine Sätze hinbekommen zu können.
Wage den Funken der Überlegung, daß Du eine Rolle spielen
könntest, die Andere zum Lachen oder zum Weinen, zum Träumen
anregen könnte, daß man den Glanz in ihren Augen sehen
kann. Und daß es endlich nur noch eine Rolle auf einer Bühne
wäre.
Eine Rolle auf einer Bühne, während Du Deine ersten
zaghaften Schritte zu Dir selbst tust. Ja, ich weiß, wie mulmig
Dir bei dem Gedanken ist. Denn Du bist Dir vollkommen bewußt
darüber, daß Du da eine Schocktherapie mit Dir selbst
durchführst. Du wirst nicht anders können, als Dich zu
präsentieren. Du wirst Dich irgendwann im Unterricht fallen
lassen müssen, wirst das Vertrauen, den Glauben daran aufbringen
müssen, daß da Andere sind, die Dich auffangen. Die
Ungeheuerlichkeit ins Auge fassen, daß – selbst wenn du
fällst – es in Ordnung sein könnte und immer die Chance
da ist, die Stärke in Dir, Dich wieder aufzurichten. Und dabei
wirst Du merken, daß Dein Rücken stark genug ist, sich
aufzurichten, bis er endlich gerade ist. Du kannst nur hoffen, in der
Blöße, die kommen wird, die Wärme und Geborgenheit
Deines Selbst zu finden, die es in den ganzen so starken Mauern nicht
gibt.
Breite die Arme aus, damit Flügel daraus erwachsen können,
und spring. Wie es in einem – relativ – weisen Buch heißt:
Wenn Du es schaffst, neben den Boden zu fallen, wirst Du fliegen.
Ich weiß, wie mulmig mir bei diesen Gedanken ist. Ich werde
sehen, was daraus und aus der kommenden Zeit erwachsen wird. Wie sehr
hoffe ich. Wie wenig wage ich mich zu hoffen. Ich weiß nur
Eines: Daß der Schritt richtig war. So sehr ich mich nun daran
festklammere und darin in panischer Starre zu verharren drohe, ich
weiß genau: Morgen kommt der nächste.
Nur ein Schritt, keine tausend. Ein einziger. Der sollte zu
schaffen sein. Schon hebt sich mein Fuß. Eine Leistung
ohnegleichen. Unsagbar schwer und unbeschreiblich federleicht. Bis
morgen.