Immer wieder stoße ich auf Unverständnis, warum ich keine Zeitungen lese. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach:
Süddeutsche Zeitung, Titelblatt 14. Mai 08: "18.000 Verschüttete in einer einzigen Stadt - Olympischer Fackellauf soll trotzdem fortgesetzt werden"
Gleiches Titelblatt: "UN fordert Luftbrücke"
Gleiches Titelblatt: "Airbus hat wieder Lieferprobleme" - "60 Tote bei Anschlag in indischer Touristenstadt" - "Fernsehen überträgt alle DFB-Pokal-Spiele"
Eine Zeitung, ein Tag, ein Teil des Titelblatts. Über 18000 Tote, aber wir können die Pokalspiele sehen. Ich glaube, mir wird schlecht.
Darum lese ich keine Zeitung: Weil ich nicht vergessen kann. Weil ich Angst habe abzustumpfen. Oder wütend zu werden. Weil ich Angst habe, an euch zu zerbrechen.
Aber nicht ganz: Mittlerweile lese ich immer mal und immer häufiger Nachrichten. Weil mir klar wird, daß es eine Art hinschauen ist. Daß diese Dinge nicht vergessen werden dürfen.
Deshalb schaue ich hin. Dosiert. Solange und so oft ich kann. Wenigstens so viel kann ich tun. Auch wenn ich es nicht immer tun kann.
Deshalb schreibe ich diesen Artikel. Für mich, und um den Mund aufzumachen. Wenigstens etwas.
Und deshalb bitte ich Euch, lest die Nachrichten. Filtert sie, um nicht von Schmerz und Lügen betäubt zu werden. Denn das geschieht. Es ist eine natürliche Reaktion, ein natürliches Vorgehen. Dennoch: Seht hin.
Süddeutsche Zeitung, gleicher Tag, zweite Seite: Solange die Wut sie wachhält - > [...] "Wir vermuten, daß hier 800 Kinder verschüttet sind, aber solch eine Zahl kann man ja unmöglich veröffentlichen", sagt der Feuerwermann weiter. "Der Soldat nickt. "Ich wollte Ihnen sagen, dass wir offiziell um zwei Uhr nachmittags hier eingetroffen sind. Das ist schon bekannt gegeben worden", sagt er. Seine Soldaten würden jetzt erstmal ihre Zelte aufschlagen. [...]<
Nichts wird vergessen.